Gloger-Bild "SRG - Neue Freiheit" in der Westfalenpost Hagen

3. Oktober 2007, Westfalenpost Kultur
Über Vertrauen zur erlebbaren Heimat


Der Hagener Künstler Hartmut F. K. Gloger hat dieses großformatige Bild in den Deutschlandfarben "SRG Neue Freiheit" genannt, das er unter dem Eindruck der Fußballweltmeisterschaft im vergangenen Jahr gemalt hat. Foto: A. Thiemann

Hagen. Unter dem unmittelbaren Eindruck der bundesweiten Euphorie während der Fußballweltmeisterschaft im vergangenen Jahr schuf der Hagener Künstler Hartmut F. K. Gloger ein Bild in den Farben Schwarz, Rot, Gold, und er nannte seine Arbeit schlicht "SRG Neue Freiheit".
Abseits jener freude-trunkener Erlebnisse sieht es 18 Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung nicht in allen Herzen ganz so glücklich aus.
Das Meinungsforschungsinstitut Emnid hat gerade ermittelt, dass sich drei Viertel der Ostdeutschen als Bürger zweiter Klasse empfinden. Wäre am Sonntag Bundestagswahl, dann ginge die Linke zwischen Elbe und Oder mit 31 Prozent als stärkste Partei daraus hervor, die CDU käme auf 25, die SPD auf 22 Prozent. 73 Prozent der West-Deutschen erkennen dagegen keine ostdeutsche Benachteiligung, sie hadern mit dem Solidaritätszuschlag, der ihnen Monat für Monat den vermeintlichen Preis des geeinten Deutschland vor Augen führt.
Immerhin herrscht eine ost-west-überspannende Dankbarkeit über den Fall der Mauer: Nur 19 Prozent aller Deutschen - auf beide Landeshälften gleichmäßig verteilt - wünschen sie sich zurück.
Das Bild von Hartmut Gloger fokussiert das politische wie auch das psychologische Dilemma: Alle sind sich der "Neuen Freiheit" sehr wohl bewusst. Aber gleichzeitig sehen sich viele auch inmitten einer dynamischen Entwicklung, die mitunter für den Einzelnen sogar explosionsartige Prozesse beinhaltet und ihn vom harmonisch zentrierten Einheitsgefühl an die gesellschaftliche Peripherie zu schleudern droht.
"Wir müssen erst einmal schätzen lernen, was uns verbindet", hat Matthias Matussek in seinem Buch "Wir Deutschen" vor einem Jahr angemahnt. Und es hat tatsächlich den Anschein, als wären 18 Jahre dafür noch lange nicht Zeit genug.
Der Philosoph Friedrich Nietzsche (1844 - 1900) hat einmal gesagt: "Das ist deutsch - dass man sich über Deutschland Gedanken macht." Und die junge Autorin Ariadne von Schirach, die mit ihrem Zeitgeist-Buch "Der Tanz um die Lust" für bundesweite Aufregung sorgte, meint lapidar: "Wir sind die Generation der Verwirrten."
Wer vor wenigen Tagen den Fernsehzweiteiler "Die Frau vom Check Point Charlie" sah, hat noch einmal sehr direkt und höchst emotional vor Augen geführt bekommen, aus welcher zeitgeschichtlichen Etappe sich unsere deutsch-deutschen Befindlichkeiten tatsächlich speisen.
Wenn es stimmt, was der Schriftsteller Christian Graf von Krockow in einem seiner Bücher formuliert hat, dass nämlich "Heimat ein Erfahrungsraum der Vertrautheit ist, der in der Kindheit entsteht", dann wird auch nachvollziehbar, dass viele Menschen in unserem Lande - im Osten wie auch im Westen - nach 1989 sehr wohl ein gutes Stück Vertrautheit verloren haben. Die in der Kindheit angelegten politisch-geografischen Koordinaten, ein tief verwurzeltes Feinddenken und andere mitprägende Konstellationen können nicht über Nacht, nicht einmal offensichtlich über 18 Jahre hinweg ausgelöscht und lückenlos ersetzt werden.
Und dennoch liegt gerade in einer Neubesinnung auf den Begriff der Heimat auch eine sehr große Chance. So ist es kein Zufall, dass der Leipziger Philosophie-Professor Christoph Türcke vor einigen Monaten ein Büchlein geschrieben hat, das den programmatischen Titel trägt "Heimat - Eine Rehabilitation" (zu Klampen Verlag). "Zur Heimat gehört, dass sie als solche erlebt wird", meint Prof. Türcke. Und ganz in diesem Sinne fordert auch Graf von Krockow auf, "Heimat zu verstehen, wie sie wirklich ist: konkret in der Vielfalt ihrer Formen."
Es geht darum, im gegenseitigen Vertrauen neue, neuerliche Vertrautheiten aufzubauen. Der Blick zurück birgt die Gefahr des verklärenden Vergessens, der falschen Idealisierung und also der sträflichen Sehnsucht nach einer Idylle, die es in Wahrheit gar nicht gab. Weder im Osten noch im Westen.

Von Andreas Thiemann

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