Kunst: Handyland 1

Seit 1999 thematisiert Hartmut F. K. Gloger in der Serie „Handyland“ ein inzwischen etabliertes Kommunikationsmittel. In vielfältigen Variationen wird das Handy in seiner äußeren Form und inneren Struktur, sowohl als zu nutzendes Objekt wie auch als selbsttätig handelndes Subjekt, beleuchtet und hinterfragt.Ein Zitat des Künstlers verdeutlicht seine ambivalente Haltung: „Dein Handy geht mit dir überall hin; oder gehst du mit deinem Handy überall hin? Ambivalent, also doppeldeutig, wie die Haltung Glogers ist auch die rein formale Umsetzung des kleinen Gerätes in den großformatigen Mischtechniken. Es erscheint als formatfüllendes „Einzelwesen“, wie in dem Gemälde „Handyma“ (1999), oder als scheinbar endlos reproduzierte und aneinandergereihte Kontur, die an menschliche Fußspuren im Sand erinnert. Dieses Bildelement, das konzeptionell in - fast - allen Werken der Serie in der einen oder anderen Form erscheint, wird mit einer vielfältigen, abstrakt-expressionistischen Malerei vereint. Auch hier trifft der Betrachter wieder auf Gegensätze. Neben zarten Lineaturen und Lasuren, die den Bildgegenstand umspielen oder verschleiern, erscheinen harte Konturen und pastos aufgetragene Flächen, die wie das Resultat einer heftigen Attacke, eines emotionalen Ausbruchs wirken und den Bildgegenstand bedrängen. An den neuesten Werken der Serie lassen sich einige Bedeutungsverschiebungen festmachen. Im Mittelpunkt stand bislang die Eigenständigkeit des Handys als eines beinahe lebendigen Wesens, das sich seine Welt, das Handyland, erobert. Jetzt wird dem bereits angesprochenen Bild „Handyma“, einer Art Pieta des Kommunikationszeitalters, die radikale Gegenposition hinzugefügt.
„WAP II“ (2001) zeigt neben der Oberfläche des gegenwärtig aktuellen technischen Entwicklungsstandes unverkennbar einen Totenkopf, der nur angedeutet wird, aber aufgrund überindividueller Wahrnehmungsmuster rasch erkannt werden kann und soll. Dem Anfang wird damit das Ende einer Entwicklung entgegengestellt. Dabei steht das technische Objekt eindeutig als Symbol für den Menschen. „WAP II“ bedeutet aber nicht den Endpunkt der Serie, sondern lediglich das Minus zum Plus; und auch nicht eine Prognose des Endes der technischen Möglichkeiten, sondern einen neuen Status Quo. „Information“ ist Gegenstand einer anderen Gruppe der Serie „Handyland“, die sich formal deutlich von Werken wie „Handyma“ oder „WAP II“ unterscheidet. „Information I - III“ (2001) fallen durch eine parallele Symbolanordnung auf. Die Reihung der Handy-Kontur wird von gleichförmig wirkenden, mittels eines eigens entwickelten Malverfahrens aufgetragenen, Farbflecken reflektiert. Der Farbauftrag ist transparent und von hellen Tönen bestimmt. Der Malgrund schimmert durch. Nur bei genauer Betrachtung wird deutlich, daß jeder Farbfleck bei aller Regelmäßigkeit seine Individualität behauptet. Technische Information ist einerseits abhängig von vereinbarter Regelhaftigkeit; 1 ist eins und 0 ist null. Ohne diesen vereinbarten Grundsatz wäre technische Kommunikation in der heutigen Form nicht möglich. Andererseits wird Information vom Menschen individuell verarbeitet, bedeutet also für den Einzelnen jeweils etwas anderes, unterscheidet sich auf der Sinnebene mehr oder weniger stark. Dies kann in den Bildern Glogers anschaulich werden. Gegensätze, ein Sowohl-als-auch und Einerseitsandererseits sind Formulierungen und Beschreibungskriterien, zu denen man in der Auseinandersetzung mit Glogers Werken geradezu gezwungen wird. Spannung und Entspannung, Plus und Minus, Eins und Null, der binäre Code sind Grundlage moderner, technisch vermittelter Kommunikation.

Text: Jan-Dirk Schute, Kunsthistoriker Bochum, Februar 2005

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